Wie eine Stadt baden geht
Konstanz, die Stadt am Formaldehyd
Das schöne Konstanz, die Stadt am See. Neben der beneidenswerten Lage am malerischen Bodensee hat Konstanz noch mehr zu bieten. Eine Elite-Uni zum Beispiel. Daher sieht sich Konstanz auch als "Stätte für Spitzenforschung, innovative Technologien und Wirtschaftsunternehmen“. Um dies angemessen zu würdigen, erklärte man 2009 zum "Jahr der Wissenschaft". Eine großartige Plakataktion sollte "Konstanz bundesweit als innovativen Wissenschafts- und Forschungsstandort ins Bewusstsein bringen". Die Aktion geriet zum peinlichen Patzer...
In einem gelungenen Plakatmotiv wird die "Stadt am See" ganz einfach zur "Stadt am H2O". (Sie haben‘s erkannt: Der chemische Begriff schafft den Konnex zwischen landschaftlichem Idyll und wissenschaftlichem Anspruch). Das blaue Plakat zeigt die Umrisse des Bodensees, wobei die Lage der Stadt durch einen roten Sprechblasenpfeil exponiert wird. Das Bodenseewasser wird durch viele kleine H2O-Formeln versinnbildlicht. Leider unterlief dem Gestalter dabei ein kleines Missgeschick, denn die Formel zeigt nicht etwa Wasser, sondern Formaldehyd, ein übel riechendes giftiges Gas. Und keiner hat‘s gemerkt.
Es kommt, wie es kommen musste. Kaum sind 2.500 Plakate bundesweit verklebt, sticht der Fauxpas einem Chemiker ins geweitete Auge. Der stellt die Geschichte von der falschen Formel schenkelklopfend in ein Online-Forum, wo sie schnell die Runde macht und von diversen Blogs aufgegriffen wird. „Wir können alles, außer Chemie“. Als man in Konstanz den Missgriff entdeckt, ist man elektrisiert. Der Stadtmarketing-Chef schreibt den Chemikern einen erbosten öffentlichen Kommentar, indem er die falsche Formel mit fehlenden Strichen als gestalterische Freiheit verkaufen will. Die Kritik wegen einiger fehlenden Strichlein sei reine Pendanterie. Diese kontern: "Wenn Sie meinen, dass diese Strichlein so überflüssig wären, dann nehmen Sie doch mal einen Schluck Formaldehyd.“
Hämische Kommentare, wütende Briefe, Schadenfreude. Schließlich stürzt sich Spiegel-online auf die peinliche Posse und die Welt lacht sich kaputt. Das Stadtmarketing gerät zum Rohrkrepierer und Konstanz zum Schilda vom Bodensee.
Was lernen wir daraus?
Die falsche Formel und keiner hat‘s gemerkt. Na und? Fehler dürfen nicht passieren und sie tun es trotzdem. Jeden Tag. Überall.
Klar, hier darf man schmunzeln. Doch Häme ist nicht angebracht und persönliche Herabwürdigung schon gar nicht. Wer selbst noch nie einen Fehler macht, der werfe den ersten Stein.
Die Empfehlung lautet: Sorgfältiges Korrekturlesen und Fehler mit allen Mitteln vermeiden. Wenn doch mal einer passiert, dann steh‘ dazu. Billige Ausflüchte machen es nur noch schlimmer. Mit einem Teelöffel Humor und der Fähigkeit, auch mal über sich selbst zu lachen, klappt das viel besser. Was ist passiert? Konstanz ist noch immer die schöne Stadt am Bodensee, der Standort und die Uni sind nicht besser oder schlechter als vorher. Und wir haben alle mal herzhaft gelacht. Fast alle.



