Schunkellieder-Poesie in der Werbung
Der Club der tumben Dichter
Wussten Sie, dass die Wurzeln des Begriffs Slogan aus dem Gälischen stammen? Er diente als Schlachtruf gälischer Krieger und als Motivationshilfe, um sich schwerbewaffnet auf die Feinde zu stürzen. Heute dient der Slogan in Politik und Werbung dazu, sich auf Wähler und Verbraucher zu stürzen. Er verdichtet komplexe Argumente auf die kompakteste Form – quasi die rhetorische Entsprechung zur Streitaxt.
In den 1950 und 60er Jahren favorisierte man noch die beschauliche Art des Slogans, die sich idealerweise reimte: „Das wissen selbst die Kinderlein - mit Maggi wird die Suppe fein.“ oder: „Mit Öl von Becht wird‘s Essen recht.“ oder auch: „Hast du Minimax im Haus, bricht bei dir kein Feuer aus“. So schmeichelt‘s dem Ohr und prägt sich gut ein. Noch heute gilt der 1932 entstandene Gassenhauer „Haribo macht Kinder froh!“ als bekanntester Werbeslogan überhaupt. Wahrscheinlich nur deshalb, weil er 1962 mit dem Zusatz „...und Erwachsene ebenso“ ergänzt und vollendet wurde. So begleiteten die treuherzig vorgetragenen phonetischen Schmankerln unsere unbeschwerte Kindheit. In den darauf folgenden Jahren verloren die Reime allmählich ihren Charme und kamen bald gänzlich aus der Mode. Heute werden sie vom Verbraucher eher als Kalauer empfunden.
Das hindert eine Subkultur von unerschrockenen Handwerks- und Einzelhandelsunternehmen allerdings nicht daran, noch heute mit hinreißenden poetischen Ergüssen um Kunden zu buhlen. Die rhetorischen Juwelen sind oft vom Inhaber selbst verfasst und zeugen von einer entwaffnenden Logik.
„Ob Decke, Wände oder Zaun – alles pinselt Maler Braun“ (Malerbetrieb R. Braun, Neustadt)
Andere wissen genau wo den Kunden der Schuh drückt und flöten in phonetischem Gleichklang:
„Bei Fußbeschwerden kann geholfen werden“ (Schuh-Bauer, Düsseldorf)
Wieder andere erklären beim konvulsivischen Reimen das Federvieh zum Ernährungsberater:
„Die Vögel zwitschern‘s von den Ästen – uns‘re Pizzas sind die besten“ (Pizzeria, Wuppertal-Elberfeld)
Mit einer Kernbotschaft von entwaffnender Dichte präsentiert Möbel Hardeck in Bochum sein Finanzierungsangebot:
„Ohne Zinsen grinsen“
Der Altmetallentsorger Beck aus Mettmann bringt mit seiner Fahrzeugbeschriftung den Kernnutzen seines Tuns zum Ausdruck:
„Beck bringt`s weg!“
Und Eisen Meinrich in Essen öffnet uns den Blick für verblüffende Kausalitäten:
„Der Sommer naht – kauft Draht“
(Der Spruch hat sich, je nach Saison, auch mit „Winter“ bewährt.)
Auch eine Münchner Lotto-Annahmestelle versteht es, durch das Einnehmen unorthodoxer Standpunkte, geschickt Kausalzusammenhänge zu erschließen:
„Los und Lamm gehör'n an Ostern z'sam!“
Wer wollte da widersprechen? Juwelier Kurtz in Stuttgart führt uns mit seinem dialektischen Kunstgriff die weitreichende Konsequenz einer simplen Kaufentscheidung vor Augen:
„Soll die Ehe glücklich sein, kauf bei Kurtz die Ringe ein!“
Fernseh-Mohr aus Elmshorn postuliert in Anlehnung an die Formallogik des Aristoteles psychologisch geschickt standardisierte Verhaltensmuster:
„Beim Fußball ruft man freudig Tor! Bei Fernsehsorgen ruft man Mohr!“
Überraschend ist auch die variantenreiche Darstellung des Themas „Lieferservice“. Mal kommt sie kapriziös mit geschürzten Lippen daher, wie bei Konditorei Aida...
„Ihr Törtchen kommt zum Pförtchen“
...mal mit hemdsärmeliger Direktheit wie beim Wiener Zustellservice Hausfreund:
„Nur Deppen schleppen“
Selbst gänzlich inkongruente Endsilben werden von poetischen Einzelhändlern skrupellos zum Zwangsreim verwurstet:
„Die große Kleine-Preise-Show für das perfekte Heimbüro“
Oder wie auf einem Lieferwagen der Bäckerei Schellhaas aus Reinheim zu lesen:
„Kauf‘ Brot und Weck vom Schellhaas-Bäck“
Die Endsilbe des Wortes Bäcker hatte man kurzerhand dem Reim geopfert.
Die Kollegen der Bäckerei Werner in Mainz-Hechtsheim reimten derweil mittels Brechstange ungeniert:
„Zu Werner geh' ich gerner!“
Mancherorts wird die dichterische Freiheit auch inhaltlich über die Maßen strapaziert. Da schreckt man selbst vor trivialsten Schlüpfrigkeiten nicht zurück.
„Am besten steht des Mannes Glied in einem Bett von Betten-Ried!“
Oder hier:
„Die Firma Heil ist auf Malen und Bodenlegen geil.“
Die Grenzen zur Büttenrede sind fließend. Da lässt man sich auch gern mal direkt vom Karneval-Klamauk inspirieren. So dichtet der Sicherheitsfachmarkt Security World:
„Meins bleibt meins“
Ob diese poetische Unternehmenskommunikation die Kunden in die Läden treibt, ist nicht überliefert. Was ich ihr bescheinigen kann, ist eine erfrischende Authentizität. Dennoch empfehle ich bei der Wahl eines Claims einen professionellen Texter hinzuzuziehen. Oder, um es dem Rahmen angemessen, etwas poetischer zu artikulieren:
"Die Dichtkunst lässt sich nicht erzwingen, und will dein Vers dir nicht gelingen – verzichte auf den platten Reim, dein Kunde wird dir dankbar sein."
Au Backe.
Ein großer Teil der dargestellten Slogans entstammt der Sammlung von Christian Kern und Lars Weber, die auf ihrer Website Einzelhandelspoesie.de noch manches weitere Kleinod bereithalten.



